Polizist wandert mit Flüchtlingen: “Wir wissen nichts über sie – wir müssen zuhören”

Seit Jahren diskutiert Deutschland über Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten. Die einen wollen mehr Geflüchtete nach Deutschland holen, die anderen das um jeden Preis verhindern. Den allermeisten gemein ist: Sie wissen kaum etwas von den Menschen, über die sie reden und streiten. Anders Martin Markel. Der Münchner Polizist wollte die Flüchtlinge und ihre Geschichten näher kennenlernen – und ging mit ihnen wandern.

Eigentlich ist Martin Markel aus hartem Holz geschnitzt. Der 32-Jährige ist Polizist beim Münchner Unterstützungskommando (USK), eine Spezialeinheit, die zum Beispiel bei schweren Ausschreitungen und Krawallen ausrückt. Doch bei seinem letzten Einsatz flossen statt Blut und Pfefferspray beinahe die Tränen. “Es war richtig emotional”, sagt der Polizist im Gespräch mit FOCUS Online.

Markel ist einer von mehreren Polizisten, die in Bayern gemeinsam mit jungen Flüchtlingen eine Wandertour unternommen haben. Das Ziel der Aktion: Polizisten und Geflüchtete sollen gegenseitig Vorurteile abbauen, ins Gespräch kommen, sich einfach besser verstehen. Ort für den außergewöhnlichen Einsatz war das Loisachtal in den bayerischen Alpen.

Polizist geht mit Flüchtlingen wandern: “Ich dachte, es könnten unangenehme Fragen kommen”

Flüchtlinge und Polizisten, die sich zusammen durch die Wildnis kämpfen? „Ich dachte schon, dass vielleicht unangenehme Fragen kommen könnten. Gerade in der jetzigen Zeit“, erzählt Martin Markel. „Das war aber gar nicht so.“ Noch bevor die Truppe losmarschierte, was das Eis gebrochen.

Markel ist selbst als Kind von Rumänien nach Deutschland geflohen. Doch die Geschichten, die er von seinen Mitwanderern hörte, waren allesamt “eine ganz andere Hausnummer”, sagt der Polizeibeamte.

Das Beste aus “Perspektiven”

Als die Truppe den steilen Anstieg in den bayerischen Alpen beginnt, fängt Ahmed aus Uganda an, zu erzählen. Der junge Flüchtling ist fit, durchtrainiert. Kein Wunder: “Ahmed erzählte, dass er für sein Land Taekwondo trainiert und sogar eine eigene Schule aufgebaut hat”, berichtet Markel. Doch dann wird Ahmed politisch aktiv – und zur Zielscheibe der Schergen des Regimes. “Er wurde von Zivilpolizisten in einem Van verschleppt, wochenlang gefoltert. Als die Leute dachten, er würde das nicht überleben, warfen sie ihn einfach irgendwo aus dem Auto – in der Hoffnung, er würde sterben.”Die Wanderung führte Beamte und Geflüchtete durch das Loisachtal.

Polizei München Die Wanderung führte Beamte und Geflüchtete durch das Loisachtal.

Ahmeds Foltergeschichte macht den Polizisten sprachlos

Die Leidensgeschichte von Ahmed macht den bayerischen Polizeibeamten sprachlos. „Ich dachte mir – was soll ich überhaupt noch sagen, außer meinen Namen und das Alter? Dann war da auch noch eine Verbindung zu uns: Erst wurde er von Polizisten gefoltert – und jetzt war er mit Polizisten beim Wandern.”

Obwohl Polizisten und Flüchtlinge bei der Wanderung in einer Gruppe unterwegs waren, bildeten sich immer wieder Zweier-Teams, die den Anstieg gemeinsam meisterten. Das bot eine gewisse Anonymität. “So konnten ganz andere Gespräche entstehen”, sagt Markel – zum Beispiel mit Ali aus Somalia. “Wir hatten am Anfang beschlossen, den Gipfel bei schnellerem Tempo zu besteigen als die anderen. So konnten wir nur zu zweit sprechen.”

Es waren intensive Momente für den 32-Jährigen. Markel sagt über sich selbst: „Ich bin da ein bisschen näher am Wasser gebaut. Mir geht das immer nahe. Und ich hinterfrage dann auch, was für Probleme ich eigentlich habe, über was für Kleinigkeiten ich mich beschwere.“

Polizist über Flüchtlinge: „Wir wissen nichts über sie, wir müssen besser zuhören“

Als die Wanderung vorbei ist, fährt der USK-Beamte zurück in die Arbeit und berichtet seiner Einheit von der Erfahrung. „Es hat mir vor Augen geführt, was für Geschichten hinter den einzelnen Personen stecken, wie hart sie teilweise getroffen wurden.” Und: „Wir wissen nichts über sie – wir müssen besser zuhören.“

Dieses Credo verfolgt Markel auch in seinem Job als Polizist. Bei seinen Einsätzen geht der 32-Jährige stets “ruhig an die Sache heran”, wie er sagt. Wenn er eine Person kontrolliert, hört Markel immer erst einmal zu. Denn: „Egal um wen es geht, egal was er getan hat und wie er aussieht, es steckt immer eine Geschichte dahinter.”

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